Interview mit Günter Wältermann, Vorstands-vorsitzender AOK Rheinland / Hamburg

„Nachbarschaftliches Engagement hat präventive Funktion“

Die Gesundheitskasse AOK Rheinland/Hamburg initiiert gemeinsam mit dem Netzwerk Nachbarschaft das Pilotprojekt „Gesunde Nachbarschaften“. Für ihren Vorstandsvorsitzenden Günter Wältermann ist die Nachbarschaft ein gutes Beispiel gelebter Solidarität. Das Pilotprojekt soll zeigen, welche nachhaltige Hilfe diese Versorgungsstrukturen bieten.

Warum beteiligt sich die AOK Rheinland/Hamburg am Netzwerk Nachbarschaft?

Das Prinzip der Hilfe auf Gegenseitigkeit ist die historische Wurzel der Krankenkassen. Die Nachbarschaftshilfe ist daher nahe an dem Selbstverständnis einer Krankenkasse, sie ist mit uns verwandt. Das Einstehen füreinander, junge für alte Menschen, gesunde für kranke, ist Basis unserer Tätigkeit. Als Ortskrankenkasse ist uns außerdem die Gemeinde und Kommune als Ort von Gesundheit besonders wichtig. Mit dem Projekt „Gesunde Nachbarschaften“ möchten wir auf Menschen aufmerksam machen, die sich als Gemeinschaft begreifen – ohne Zwänge und zum Wohl jedes Einzelnen.

Was versteckt sich hinter dem Begriff „Gesunde Nachbarschaften“?

Sozialer Kontakt, Teilhabe und Einbindung ist für jeden Menschen wichtig. Die Lebensqualität hängt ganz entscheidend davon ab. Ein soziales Netz fördert die Aktivität in jedem Alter und trägt zur persönlichen Zufriedenheit bei. Gelebte Nachbarschaften beeinflussen positiv die Gesundheit und sind in dem Sinne also gesundheitsfördernd. Ich bin mir sicher, dass die Nachbarschaften im Netzwerk Nachbarschaft dies bewirken. Allgemein ist es so, dass heute fast jeder Dritte der über 65-Jährigen schon über 40 Jahre in seinem jetzigen Wohnumfeld lebt. Diese Vertrautheit ist eine Chance für alle Nachbarn, auch für die jüngeren Hinzugezogenen, das Prinzip der Nachbarschaftshilfe zu entdecken.

Was können Nachbarschaften leisten, was nicht?

Nachbarschaftliches Engagement kann der Vereinsamung vorbeugen und die Teilhabe der Menschen ermöglichen, auch zum Beispiel durch regelmäßige Besuche, Gespräche und Alltagshilfen. Viele Menschen engagieren sich, kümmern sich umeinander. Das finden wir gut. Davor haben wir Respekt. Eine gute Einbindung in Nachbarschaften kann es auch älteren Menschen bei Erkrankungen und Pflegebedürftigkeit ermöglichen, in ihrem angestammten Wohnumfeld zu bleiben oder zumindest länger zu verweilen. Und das entspricht dem Wunsch vieler älterer Menschen. Klar ist aber auch: Nachbarschaftshilfe ist kein Ersatz für professionelle Hilfe durch Pflegedienste. Wenn man diese Grenze nicht erkennt, überfordert man nachbarschaftliche Hilfe. Das wollen wir auf keinen Fall. Im Gegenteil: Nachbarschaftshilfe sollte auch auf professionellen Hilfebedarf aufmerksam machen.

Sie gehen mit Nachbarschaften aus dem Rheinland und Hamburg an den Start. Ist diese Auswahl repräsentativ?

Unsere Unterstützung für gesunde Nachbarschaften ist kein Forschungsprojekt. Jede beteiligte Nachbarschaft handelt in ihrem ganz eigenen, individuellen Umfeld. Startbedingungen, Vorkenntnisse und Ziele sind jeweils unterschiedlich. Gemeinsam haben sie den Willen, etwas für ältere Nachbarn zu tun. Mit dem Projekt wollen wir Mut machen, diesen guten Beispielen zu folgen.

Welche Merkmale machen die teilnehmenden Nachbarschaften aus ihrer Sicht zu „gesunden Nachbarschaften“?

Uns interessieren folgende Fragen:

  • Wie viele Nachbarn sind beteiligt?
  • Welches Ziel verfolgen sie?
  • Wie lange sind sie schon zusammen aktiv und wie intensiv bringen sie sich für die Sache ein?
  • Wie gehen sie mit Problemen und neuen Erkenntnissen um?
  • Was können wir aus ihren Erfahrungen lernen?

Natürlich ergeben sich aus der Praxis vor Ort heraus für die einzelnen Teilnehmer noch weitere individuelle Fragen. Grundsätzlich ist es uns wichtig aufzuzeigen, wie nachbarschaftliche Hilfssysteme entstehen, wie sie entwickelt und verbessert werden können. Und wir möchten zeigen, wo professionelle Unterstützung angezeigt ist, und wie Nachbarn ergänzend dazu aktiv sein können. Wir wollen für das Prinzip der Nachbarschaftshilfe werben.

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