Interview

„Gemeinsam neue Wege finden“

Die Soziologin Dr. Romy Reimer spricht im Interview über Chancen und Herausforderungen von selbstverwalteten Wohnprojekten.

romy reimer

Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit ein selbstverwaltetes Projekt funktioniert?

Zusammen mit Manuel Osório von der P 99 GmbH habe ich einen Forschungsantrag zu diesem Thema entwickelt. Unsere Forschung geht der Frage der erfolgreichen Organisation von Selbstverwaltung in Wohnprojekten weiter auf den Grund. Unserer Erfahrung nach ist es wichtig, dass diejenigen, die einer Regel folgen sollen, diese auch mit beschlossen haben. Außerdem sollten alle Teilnehmer auch gemeinsam Maßnahmen zur Sicherung der Vereinbarung festlegen.

Wie bringt man unterschiedliche Zielsetzungen von Teilnehmern auf einen Nenner?

Es muss Raum für Gespräche geben, in denen die unterschiedlichen Interessen und Vorstellungen gehört und verhandelt werden. Außerdem müssen die Aushandlungsbedingungen fair und von allen Beteiligten akzeptiert sein. Solange die Bereitschaft besteht, gemeinsam nach Wegen zu suchen, die von allen Beteiligten mitgetragen werden, ist schon sehr viel gewonnen.

Wie können Projektinitiativen die Situation vermeiden, dass die anfallenden Aufgaben von einigen wenigen Gruppenmitgliedern übernommen werden?

Meines Erachtens ist die Frage nicht, wie vermieden werden kann, dass einige Gruppenmitglieder mehr Arbeiten übernehmen, sondern ob es vermieden werden muss bzw. inwieweit Aufgaben ungleich verteilt sein können, ohne dass es zu Konflikten kommt. Die Idee einer völligen Gleichverteilung anfallender Aufgaben halte ich für problematisch. Sie birgt sozialen Sprengstoff, weil es in der Praxis dann doch oft und notwendigerweise anders läuft. Projektinitiativen sollten sich von vornherein klar machen, dass die Mitglieder sich entsprechend ihrer persönlichen Kapazitäten in unterschiedlichem Maße an der Selbstverwaltung beteiligen möchten und können.

Was kann Selbstverwaltung, was öffentliche Verwaltung nicht leisten kann?

Selbstverwaltung bedeutet, selbst Verantwortung zu übernehmen. Gerade wenn Wohnprojekte auch im Stadtteil wirken, zum Beispiel indem sie in ihrem Gemeinschaftsraum Veranstaltungen organisieren, prägen sie den einmaligen soziokulturellen Mikrokosmos der Stadt mit, der das städtische Leben für die Stadtbewohner so attraktiv macht.