Dorfleben

Von wegen Funkstille

„Schick’ mal kurz ne Mail.“ Für die Anwohner der Venhauser Schleuse war das unmöglich: Schnelles Internet war nicht verfügbar – bis sie handelten.

SchleusennetzeVEin Blick auf den Breitbandatlas des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur offenbart: schnelles Internet ist in ländlichen Regionen Mangelware. Oft verfügen hier gerade mal 10 Prozent der Einwohner über die angesteuerte Zielmarge von 50 MBit pro Sekunde. Deutschlandweit ist jeder Vierte betroffen. Ein Beispiel sind die 25 Haushalte im Außenbereich der Gemeinden Spelle, Lünne und Emsbüren. Die Abgeschnittenheit vom Internet stellte für die Landwirte ein wachsendes Problem dar, ebenso für die Jugendlichen in der Region und öffentliche Einrichtungen wie Schulen.

„Nicht meckern – machen!“

Auch Diplom-Physiker Philipp Rekers war beruflich auf schnelles Internet angewiesen. Als er in die Nachbarschaft zog, ergriff er sofort die Initiative. Er nutzte sein Knowhow, um das Breitbandkabel im nächsten Dorf anzuzapfen. Die Nachbarn wurden hellhörig: „Können wir das auch?“ wollten sie von ihm wissen. Gemeinsam entwickelten sie den Plan für ein eigenes richtfunkbasiertes Netzwerk, das alle abgehängten Haushalte rund um die Schleuse vernetzt. 2013 gründeten 15 Nachbarn zu diesem Zweck den Verein „Schleusennetz e.V.“.

Ein Verein als Provider

Mit viel Überzeugungsarbeit holten die Aktiven ihre Nachbarn mit ins Boot: „Alle haben an einem Strang gezogen, auch Nachbarn, die sich vorher gar nicht kannten“, erinnert sich Rekers. Die Kosten für das Projekt wurden auf ca. 10.000 Euro kalkuliert. Neben einer Vereinsförderung übernahm die Gemeinde Spelle einen Drittel der Kosten. Den Rest finanzierten die Nachbarn aus eigener Tasche. Der Verein entwickelte sich für dieses große Projekt als Provider für schnelles Internet.

Und jetzt Glasfaser!

Drei Jahre nach dem Bau des richtfunkbasierten Netzwerks machten die Nachbarn den nächsten Schritt: sie organisierten den Anschluss aller Haushalte an ein schnelles Glasfasernetz. Dazu mussten fünf Kilometer Leerrohr verlegt werden – ein ambitioniertes Vorhaben. Die Arbeiten stemmten die Nachbarn gemeinsam an zehn Wochenenden, in Eigenregie! „Wir haben zusammengerechnet über 1.000 Arbeitsstunden investiert“, so Rekers und fügt schmunzelnd hinzu: „Das Schönste war immer das Grillen danach“.

Erfolg spornt an

Wenn erstmal die Kabel liegen, ist der Weg frei für neue Vorhaben, alles ist möglich. An der Schleuse gibt es jetzt eine intelligente Lichtsteuerung für die Bushaltestelle und freies Internet via Hotspot – derzeit noch ein Geheimtipp! Soviel Kreativität und Engagement fürs Gemeinwohl muss ausgezeichnet werden, meinte auch die Jury von Netzwerk Nachbarschaft. Im Wettbewerb „Die schönsten Nachbarschaftsaktionen 2017“ wurden die Venhauser mit Janosch-Urkunde und einem Einkaufsgutschein vom Baumarkt ausgezeichnet.