Experteninterview – Annette Scholl zum Thema Kontakt zu Nachbarn aufbauen

Guter Kontakt zu Nachbarn basiert auf Vertrauen

Annette Scholl ist Leiterin des Bereichs „Gemeinwesenorientierte Seniorenarbeit“ und Europa-Referentin im Kuratorium Deutsche Altershilfe in Köln. Dort beschäftigt sie sich im Projekt Forum Seniorenarbeit NRW mit dem Schwerpunkt „Lebendige Nachbarschaften gestalten – ein starkes Stück Gemeinschaft im Quartier“.

Was ist aus Ihrer Sicht für die Gesundheit der älteren Anwohner entscheidend?

Vertrautheit und das Gefühl der Geborgenheit sind für ältere Menschen wichtig, ganz besonders, wenn körperliche Einschränkungen vorliegen. Nachbarn bekommen eher etwas mit als Familien, die ja oft weit weg wohnen. Nachbarn können zudem direkter helfen, auch mal was mitbringen oder kleine Gänge übernehmen.

Was zeichnet eine gute Mehrgenerationen-Nachbarschaft aus?

Ich sehe vor allem drei Bausteine, die ein gutes Miteinander begründen: Nachbarschaft ist ein Ort für Begegnung, besonders für alleinstehende Menschen. Nachbarschaft ist eine Kontaktbörse und schließlich ist Nachbarschaft ein direkter Ort für gegenseitige Unterstützung und Hilfe.

Nachbarn, die helfen wollen, machen immer wieder die Erfahrung, dass ihre älteren Anwohner Hilfe ablehnen. Was empfehlen Sie diesen Nachbarn? 

Ganz entscheidend ist das Grundverhalten bzw. Verständnis unter Nachbarn. Oft ist die Beziehung zum Nachbarn höflich aber distanziert. Man kennt sich nicht wirklich. Wenn ich aber als älterer Mensch Hilfe annehme, lasse ich jemanden in meine Privatsphäre. Die Person sieht dann auch, dass es mir nicht gut geht. Das ist besonders älteren Menschen sehr unangenehm.

Wie schaffe ich dieses Vertrauensverhältnis?

Um das aufzubauen, sind schon vorher geeignete Maßnahmen für ein Kennenlernen erforderlich. Kleine Hilfsdienste schaffen hier ein gutes Klima. Also: öfter mal klingeln und sagen: Ich gehe einkaufen, brauchen Sie auch etwas? Das Gespräch suchen, beispielsweise zu Fragen, was die ältere Nachbarin, den älteren Nachbarn interessiert. Die wichtigste Frage wird oft vergessen: was will der eigene ältere Nachbar selbst? Wichtig sind positive Themen aus dem Alltag der Nachbarschaft. Oder, wenn man sich schon besser kennt: „Wie war das in der Kindheit, was war das Lieblings-Spielzeug, wie der erste Tanzunterricht, der erste Job, schöne Reisen…?“

Bieten Sie auch Weiterbildungen für Nachbarn an, die sich für ihre ältere Mitbewohner engagieren wollen?

Ja, wir führen Workshops durch, die den Aufbau und die Weiterführung von Nachbarschaftsprojekten fördern. Dabei gehen wir immer konkret auf die Bedürfnisse der Teilnehmer ein. Wir achten darauf, dass sie eigene Erfahrungen im Umgang mit dem Thema mitbringen. Denn es gibt keine pauschalen Lösungen sondern wir brauchen Orientierungshilfen und Freiräume für eine individuelle Gestaltung der Nachbarschaftshilfe.

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