Bauen & Wohnen

Nachbarn füllen Leerstand mit Leben

Diese beeindruckenden Beispiele aus der Nachbarschaft zeigen, wie aus leerstehenden Gebäuden wahre Augenweiden werden können.

 Leerstand Artikel
3,5 Millionen Wohnungen in Deutschland stehen leer – das ist fast jede zehnte. Auch im Einzelhandel ist Leerstand ein Problem: Viele deutsche Städte haben mit Ladenleerständen zu kämpfen, die das Stadtzentrum unattraktiv machen. Denn ein verlassenes Gebäude ist für alle ein trostloser Anblick. Aber auch eine Chance – fanden Anwohner aus Bad Oldesloe in Schleswig-Holstein. Denn sie suchten einen Ort der Zusammenkunft für alle Nachbarn des Stadtteils. Ihnen kam die Idee, einen leerstehenden Laden zu übernehmen und zum neuen Nachbar-Treffpunkt zu gestalten. Und so schritten sie zur Tat: Gemeinsam entmüllten sie das Gebäude und rissen nicht tragende Wände ein. Eine Tischlerei spendete Fenster, ein Büro Einrichtung, die Bibliothek Kindertische und -stühle. Honorarfrei begleitete ein Architekt das Projekt. Viele Nachbarn packten an, spendeten Möbel, Bücher, Geschirr und Spielzeug für die Ausstattung und brachten Kaffee und Kuchen mit. Das ehemals ungenutzte Haus ist heute ein lebendiger Treffpunkt, an dem die Nachbarn zusammenkommen, Kaffee trinken und plaudern. Maria Herrmann, Initiatorin des Projekts, erzählt: „Unser Nachbarschaftszentrum ist für viele zur Anlaufstelle geworden. Hier trifft man sich, unabhängig von Alter oder Nationalität.“

Vom Leerstand zum Besuchermagnet

Auch im nordrhein-westfälischen Neukirchen-Vluyn wurden Nachbarn gegen den Leerstand aktiv. „Wir wollten erreichen, dass die Hochstraße wieder auflebt und neue Ideen entstehen, um die Leerstände zu belegen“, berichtet Martha Schlothmann. Gemeinsam mit 13 weiteren Frauen zwischen 66 und 92 Jahren schmiedete sie den Plan, die gesamte Fußgängerzone in eine Märchenstraße zu verwandeln, die Besucher anlockt. Die Nachbarinnen holten sich Hilfe von Schülern aus acht Schulklassen. Gemeinsam mit den Jugendlichen strickten sie ein leerstehendes Haus ein, das als „Dornröschenschloss“ schnell zur Attraktion in der Umgebung wurde. Anwohner und Ladenbesitzer in der Straße machten spontan mit und stellten ihre Fenster und Auslageflächen zur Verfügung, in denen die Nachbarn Märchenmotive aufstellten. Dann strickten sie auch noch Bänke und Bäume ein. Martha Schlothmann beobachtet: „Die ersten Gäste kommen schon aus dem Ruhrgebiet und dem gesamten Niederrhein um das ‚Märchenschloss’ zu besichtigen. Vielleicht ist ja jemand dabei, der ein neuer Nachbar werden möchte!“

Plattform der Träume

Die Offensive gegen Leerstand ist international und findet immer mehr Anhänger. „Bevor ich sterbe, möchte ich...“ Dieser Satzanfang steht achtzigmal auf der Wand eines leerstehenden Hauses in New Orleans. Geschrieben hat ihn Candy Chang, die in der Nachbarschaft des Hauses wohnt. Gemeinsam mit Freunden versah sie es mit einer großen Tafel und legte Kreide aus. Schon am nächsten Tag war die Tafel komplett ausgefüllt. In bunten Farben ist jeder der Sätze beendet worden. Überall, wo Platz war, haben Menschen ihre Träume niedergeschrieben. Etwa: „Bevor ich sterbe, möchte ich die Welt entdecken“, „...für Millionen Menschen singen“,  oder „...verstehen, warum ich hier bin“. Das Beispiel New Orleans ist inspirierend: Inzwischen haben auch Nachbarn in Kasachstan, Südafrika, Australien und Argentinien solche Plattformen für Lebensträume aufgestellt.

Candy Chang erzählt von ihrem Projekt: Hier >> geht’s zum TED Talk